75 Prozent der Erwachsenen verstehen Gesundheitsinformationen nicht
Gesundheitskompetenz in Deutschland weiter gesunken

Die Studie der TUM und des WHO Collaborating Centre for Health Literacy in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Apotheken Umschau zeigt, das mittlerweile rund 75 Prozent der Erwachsenen erhebliche Schwierigkeiten beim Umgang mit Gesundheitsinformationen haben. Die Befragten hatten Probleme dabei, Informationen zu Themen wie Behandlungen von Krankheiten oder Prävention gezielt zu finden, richtig zu verstehen, kritisch zu bewerten und korrekt anzuwenden.
Der Vergleich mit früheren Daten zeigt einen dramatischen Abwärtstrend. Diese Ergebnisse sowie ein zehn Punkte umfassender Forderungskatalog an die Politik zur schnellen Verbesserung der Gesundheitskompetenz wurden am Mittwoch, 2. April 2025, im Beisein der Bayerischen Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention, Judith Gerlach, der Öffentlichkeit präsentiert.
Situation stetig verschlechtert
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Lag der Anteil der Menschen mit unzureichender Gesundheitskompetenz 2014 noch bei 54,3 Prozent, stieg er bis 2020 auf 64,2 Prozent. In den letzten vier Jahren verschlechterte sich die Situation nochmals deutlich um weitere knapp 12 Prozentpunkte auf nunmehr 75,8 Prozent im Jahr 2024. Damit hapert es nicht nur bei Entscheidungen, die die eigene Gesundheit betreffen oder die von engen Familienangehörigen wie den eigenen Kindern, sondern auch bei der Orientierung im Gesundheitssystem und der Inanspruchnahme von Leistungen.
Die bundesweit repräsentative, von Juli bis August 2024 durchgeführte, Befragung von 2.000 Personen ab 18 Jahren zeigt überdies einen signifikanten Zusammenhang zwischen Gesundheitskompetenz, Lebensalter und Wohnort. So verfügen die über 60-Jährigen über eine bedeutend bessere Kompetenz als jüngere Gruppen. Zudem schneiden Menschen in den ostdeutschen Bundesländern besser ab als in den westdeutschen. Anders als in früheren Studien und weithin angenommen, zeigt sich dagegen kein Unterschied bei den Faktoren Bildung, Migrationsgeschichte, Einkommen und Geschlecht.
„Wir müssen in Gesundheitskompetenz investieren."
Bayerns Gesundheitsministerin Judith Gerlach unterstreicht: „In Bayern arbeiten wir schon intensiv daran, die Gesundheitskompetenz der Menschen zu stärken. Mit wechselnden Schwerpunktthemen informieren wir und klären die Bevölkerung zu wichtigen Gesundheitsthemen auf. Aktuell informieren wir zum Beispiel mit einer Kampagne über das Thema Wechseljahre im Rahmen des Schwerpunkts ‚Frauen – sichtbar und gesund‘. Die Förderung der Gesundheitskompetenz wird auch ein Teil unseres ‚Masterplans Prävention‘ sein, der den Präventionsplan von 2015 ablösen wird und den wir noch in diesem Jahr vorstellen werden. Daran beteiligt sind neben den Ressorts der Staatsregierung unter anderem unsere Partner im Bündnis für Prävention, der Öffentliche Gesundheitsdienst, die Gesundheitsregionenplus sowie Bürgerinnen und Bürger. Ich bin überzeugt davon, dass dieser gesamtgesellschaftliche Ansatz die Prävention in Bayern entscheidend voranbringen kann. Aber auch die neue Bundesregierung ist gefordert, die Gesundheitskompetenz in ganz Deutschland zu fördern!“
Orkan Okan, Professor für Health Literacy an der TUM und Leiter des WHO Collaborating Centre for Health Literacy sagt „Wir müssen mehr in die Gesundheitskompetenz der Menschen investieren – insbesondere in Schulen und andere Bildungseinrichtungen. Dort legen wir den Grundstein für ein gesundes und gesundheitsbewusstes Leben und können unsere Gesellschaft nachhaltig prägen.“
„Die aktuelle Studie ist ein Weckruf: In einer Zeit, in der automatisierte Chatbots mit gezielten Fehlinformationen arbeiten und Fake News salonfähig geworden sind, braucht es verlässliche Informationen und Rahmenbedingungen, um sich in der Infodemie zurechtzufinden“, betont Prof. Kai Kolpatzik, Chief Scientific Officer beim Wort & Bild Verlag (u.a. Apotheken Umschau). „Jetzt ist der Zeitpunkt, um politisch die richtigen Weichen zu stellen für alle Menschen, ihre Gesundheit und ihre Lebensqualität. Unsere zehn Forderungen an die Politik zielen darauf ab, auf der Grundlage fundierter Daten jetzt ins Handeln zu kommen.“
Claudia Küng, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied von Health Care Bayern e.V.: „Gesundheitskompetenz bedeutet nicht nur, im Krankheits- oder Pflegefall die richtige Hilfe zu bekommen, sondern auch, zu wissen, wann man wirklich krank ist – und wann nicht. Unser Gesundheitssystem muss klare und strukturierte Wege bieten, aber auch Menschen darin unterstützen, Vertrauen in ihre eigenen Fähigkeiten zu entwickeln. Gesundheit und Krankheit sind kein Entweder-Oder, sondern ein Kontinuum – und dieses Bewusstsein muss gestärkt werden. Health Care Bayern e.V. setzt sich genau dafür ein.“
Jährlich bis zu 24 Milliarden Euro Mehrkosten
Die mangelhafte Gesundheitskompetenz hat weitreichende Auswirkungen. Menschen mit einer geringen Gesundheitskompetenz sind häufiger und länger krank, nehmen häufiger Notfalldienste in Anspruch, werden öfter im Krankenhaus behandelt und folgen Behandlungsempfehlungen seltener. Das belastet das Gesundheitssystem zusätzlich und verursacht vermeidbare Kosten. Laut WHO-Schätzungen belaufen sich die Folgekosten mangelnder Gesundheitskompetenz auf drei bis fünf Prozent der Gesamtausgaben im Gesundheitswesen, was bezogen auf das Jahr 2022 in Deutschland bis zu 24 Milliarden Euro bedeutet. So würde eine verbesserte Gesundheitskompetenz nicht nur die Lebensqualität der Betroffenen steigern, sondern auch die Effizienz des Gesundheitssystems erhöhen. Grundlage dafür sind einfache, verständliche und verlässliche Gesundheitsinformationen.
Die dringendsten Aufgaben haben die Studienmacher Prof. Orkan Okan und Prof. Kai Kolpatzik in zehn Punkten zusammengefasst. Die Forderungen werden von einem breiten Bündnis von mehr als 30 Organisationen aus der institutionellen und gesellschaftlichen Ebene des Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsystems unterstützt.
- Gesundheitsbildung früh in Kindergarten und Schule verankern
- Medienkompetenz bei Kindern und Jugendlichen stärken
- An Kinder gerichtete Werbung für ungesunde Lebensmittel und Influencer-Marketing einschränken
- Gesundheitsprofessionen in modernen Kommunikationstechniken schulen
- Digitale Gesundheitskompetenz aller Bürgerinnen und Bürger fördern, um Zugang zu elektronischen Patientenakte und anderen digitalen Angeboten zu verbessern
- Aufbau eines Lotsensystems und barrierearme Kommunikation für bessere Orientierung im Gesundheitswesen
- Organisationale Gesundheitskompetenz in Gesundheitseinrichtungen ausbauen
- Gesundheitskompetenz am Arbeitsplatz fördern
- Psychische Gesundheitskompetenz durch öffentliche Kampagnen stärken
- "Health Literacy in all Policies" – Gesundheitskompetenz in allen Politikbereichen verankern
Die Publikation „10 Jahre Gesundheitskompetenz: Große Lücken mit dramatischen Folgen. 10 Forderungen an die Politik“ steht als PDF unter www.a-u.de/impact-gesundheitskompetenzkostenfrei zur Verfügung. Der Berichtsband stellt die Ergebnisse der Studie vor und erläutert weitere Aspekte. Mit dem 10-Punkte-Forderungskatalog werden Handlungsempfehlungen auf Basis der Studienergebnisse abgeleitet.
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Das WHO Kollaborationszentrum für Health Literacy an der TUM School of Medicine and Health, Department of Health and Sport Sciences, wurde im Dezember 2023 gegründet und wird durch Prof. Dr. Orkan Okan geleitet. Das Kollaborationszentrum führt u.a. Gesundheitskompetenzforschung für die WHO durch und berät sie mit seiner wissenschaftlichen Expertise bei der Entwicklung von Programmen und Strategien zur Förderung der Gesundheitskompetenz in den WHO Mitgliedsstaaten.
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Kontakte zum Artikel:
Prof. Dr. Orkan Okan
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